Jugend ohne Migrationshintergrund

25. April 2021

Ein Flugblatt der Identitären Bewegug tatsächlich im häuslichen Briefkasten. Na sowas, das gibts tatsächlich?! Und na sowas, man kann tatsächlich sowas schreiben: Jugend ohne Migrationshintergrund. Was soll das sein? „Ohne Migrationshintergrund“.

Wenn man Migration – woran man gut tut – nicht auf eine oder zwei Generationen bezieht, sondern ein wenig historisiert, gibt es das nicht. Und selbst in den letzten dreißig Jahren waren die Leute haufenweise unterwegs im Leben. Wer dort hocken geblieben ist, wo er zur Schule gegangen ist, hat vielleicht Glück gehabt oder Pech, muss sich aber nichts drauf einbilden. Heimat kann sich jeder so aussuchen, wie er will. Und Tradition ist nun genau was? Aufmärsche beim Schützenfest?

Viel gegen Schützenfeste – soviel Intoleranz darf sein -, aber wer sich damit befassen will, den soll man nicht daran hindern. Aber zum Nabel der Welt wird damit weder das Dorf noch wirds irgendeine Stadt, nur weil es das da nicht geben mag (Hannover ist da übrigens ganz groß, nebenbei). Am Ende bleibt, dass es solche gibt, die nicht viel herumgekommen sind (nicht mal ihre Vorgängergenerationen, aber man muss aufpassen), und solche, die viel herumgekommen sind. Dann gibts welche, die nicht bleiben wollten, wo sie waren, und welche, die nicht bleiben konnten.

Wenn man das Glück, nicht zu denen zu gehören, die nicht bleiben konnten, dann kann man dieses Glück hoffentlich genießen. Es gibt aber keinen Grund darauf stolz zu sein; es ist kein Verdienst. Und es gibt keinen Grund, sich überlegen zu fühlen. Dafür hat man nichts getan.


Heimat nervt (2)

31. Januar 2021

Wenn man einmal anfängt:

Fall 3:

Im Zeitmagazin vom 21.1.2021 findet sich die Foto-Rubrik „China und ich“, in der die Fotografin Pen Ke „uns ihre Heimat (3)“ zeigt. Im Beitext zum Foto wird von dem Friseursalon berichtet, in dem es entstanden ist. Er helfe der Fotografin, sich an das Leben in der Großstadt zu gewöhnen, in die sie gezogen ist. Das Gebäude, in dem er sich befindet wird demnächst abgerissen. Im Beitext zur Rubrik finden sich die folgenden beiden Sätze: „Peng Ke, 28, lebt als Künstlerin und Fotografin in Shanghai. In den nächsten Monaten wird sie aus ihrem Alltag berichten. „

Zeigt uns Peng Ke nun ihre Heimat oder ihren Alltag oder Ansichten ihres Wohnortes? Am wenigsten eitel ist die letzte Möglichkeit, aber dazu wollen sich auch Zeitmagazin-Redakteure nicht herablassen.

Fall 4:

Am 30./31.1.2021 geht die TAZ mit der Heimat hausieren. Hier ist es der Schriftsteller Alem Grabovac, der „seit Jahren“ „Stichwort-Interviews“ für die TAZ führt. Jetzt wird er selbst interviewt, unter dem Titel: „Ich scheine ein Talent für Heimat zu haben.“ Gezeigt wird ein Foto Grabovacs in der Kastanienallee, die „eine seiner Heimaten“ sei. Im Text kommt er auf insgesamt vier. Immerhin folgt der vierten Heimat die titelgebende Einsicht. Heimat kann also vielfältig sein, immerhin ein Ansatz. Aber warum brauchts dann Heimaten, wenn man sich irgendwo halbwegs wohlfühlt? Und was macht der Mann in seiner dritten Heimat jede Nacht mit einer Bierflache vor einem geschlossenen Friseurladen?


Heimat nervt

29. Januar 2021

Anscheinend zeigt das anhaltende Gerede von Heimat in der Öffentlichkeit Wirkung: Man kommt nicht mehr um sie herum, egal in welchem Zusammenhang. Soll heißen, wenn man schon auf den Sport- und Reiseseiten mit Heimat belästigt wird (bei Kochbüchern und Obstkisten ist das ja schon länger so), dann wird es langsam unangenehm.

Fall 1:

In der FAZ vom 28.  Januar 2021 wird auf der Sportseite vom Empfang Mesut Özils bei seinem neuen Club Fenerbahce Istanbul berichtet, der anscheinend groß aufgezogen worden ist. Bei dieser Gelegenheit hat Özil wohl auch, so der Bericht, „über seine deutsche Heimat“ gesprochen, soll heißen über eine mögliche Rückkehr in die Fußballnationalmannschaft oder die Bundesliga, was er anscheinend entschieden abgelehnt hat. Nun mag man Özils Unterstützung des türkischen Präsidenten Erdogan nicht gutheißen, man mag auch das Ende des vormaligen DFB-Prestigeprojektes Integration bedauern (ohne dabei irgendwem die Schuld daran zuzuschieben).

Özils neues fußballerisches Engagement, das ohne Politik nicht zu haben ist, im Bericht ganz nebenbei aber mit seiner wahren Herkunft („Heimat“ eben) zu diskreditieren, ist allerdings eine kleine Zumutung, eine unnötige Spitze, die eigentlich niemand braucht. Der Kurzschluss Heimat – Fußballnationalmannschaft/Bundesliga ist eh ein bisschen gewagt, auch wenn ein Profi-Fußballer sein Leben in großen Teilen in der Blase Fußballwelt verbringt. Dass Özil in Gelsenkirchen geboren ist, wird im Artikel im Übrigen erst zum Schluss erwähnt, aber das gönnt sich und uns der Verfasser des Artikels immerhin noch.

Fall 2:

In derselben Ausgabe der FAZ, auf den Reiseseiten, wird der Band eines Fotografen (Bernhard Fuchs) mit Motiven aus dem Mühltal vorgestellt (gezeigt wird zweimal Baumstamm, einmal Bach). Bemerkenswert ist, dass im Beitrag eingeräumt wird, dass Fuchs das Mühltal als seine „Herkunftsgegend“ bezeichne. Auch habe Fuchs ausdrücklich nicht Bäche, Felsen und Bäume, sondern Wasser, Stein und Holz fotografiert. Also ein ernstzunehmender Mensch.

Allerdings gesteht ihm der Verfasser des Beitrags das alles nicht zu, anscheinend um den Tenor des Artikels, mit dem der Band ganz konventionell als Selbstpositionierungsprojekt in der Welt mit Anlehnungen an die Philosophie des Transzendentalismus und gleich Adalbert Stifter (den Fuchs anscheinend in der Tat für die Widmung bemüht) beschrieben werden soll, nicht zu gefährden.

Im Vergleich dazu bleibt für die Wortwahl Fuchs‘ dann nur der abfällige Vergleich mit der Inventarliste der Siedler von Catan. Und selbstverständlich (oder vielleicht doch in diesem Fall: natürlich) zeige Fuchs in seinem Band „Heimat, auch wenn er es nicht so nennt“.

Demgegenüber ist nur darauf zu beharren, dass die Wahl des Ortes, wo man sich zuhause fühlen will, immer noch einem selbst vorbehalten bleibt und man sich solche Distanzlosigkeiten doch eigentlich verbittet.


Stolz des Vorurteils

6. Januar 2021

Das Vorurteil hat einen schlechten Ruf, intellektuelle Faulheit oder Vorwand, sich auf Kosten anderer besser zu stellen – wie mans dreht oder wendet, es wird mit dem Vorurteil nicht besser.

Dass Vorurteile – oder besser gesagt – Denkmuster, die auf der Basis weniger Informationen schnelle Entscheidungen ermöglichen, die normalerweise langwieriger und mit mehr Aufwand verbunden wären, zeigt eine Erkenntnis aus der KI, von der Manuela Lenzen in der FAZ vom 6. Januar berichtete (Hier irrt der Algorithmus,FAZ vom 6.1.2021, S. N4).

Demnach suchen lernende KI-Programme Abkürzungen bei der Interpretation von Daten, um schneller zu Ergebnissen kommen und damit Entscheidungen treffen zu können. Bezeichnet werde das Verfahren als „shortcut learning“. Dabei werde aus begrenzten kontextuellen Daten geschlossen, statt den Gesamtbestand von Daten zu verwenden. Das geschehe immer dann, wenn der jeweilige Falle von den bekannten abweiche, also ungewöhnlich ist.

Die Beispiele, die Lenzen präsentiert: Eine „sanfte Hügellandschaft, saftige Wiesen, aber keine Kühe?“, egal, da in der Regel auf sanften Hügellandschaften mit saftigen Wiesen Kühe stehen (resp. auf den Lernbildern Kühe stehen). Handelt es sich (wohl) um eine „Herde auf einer Wiese“. Oder, wozu zwischen Hund und Wolf unterscheiden, wenn auf den Lernbildern immer nur Hunde im Schnee sitzen? Wozu sich mit den Schattierungen von Karzinomen befassen, wenn auf den Aufnahmen die kritischen Stellen schon gelb eingekreist sind?

Alles also, was „ungewöhnlich“ ist, soll heißen, nicht in die Erfahrungswelt des Programms passt, wird aufgrund der vorliegenden Daten in diese Erfahrungswelt eingepasst. Wenn also ein Algorithmus, so zitiert Lenzen einen Forscher der TU Darmstadt, eine Kuh auf einer Wiese erkennt, wird er die Wiese eben auch ohne Kuh für das Bild einer Herde auf Wiese halten. Oder er wird eine Kuh, die den Strand entlang galoppiert, nicht erkennen.

Solche Fehler könne man korrigieren, indem man solche Systeme mit ungewöhnlichen Fällen konfrontiere, und falsche Interpretationen dann korrigiere.

All das ist eine aufschlussreiche Analogie zu Vorurteilen: Sie beruhen auf dem Vorwissen, nehmen aber Abkürzungen, um schnelle Entscheidungen treffen zu können. Falsche Abkürzungen – also Vorurteile, die dysfunktional sind und zu falschen resp. unangemessenen Aussagen und Handlungen führen – müssen dadurch beseitigt werden, dass das System anhand von Fehlern lernt und sie damit nach und nach zu vermeidet. Soll heißen, Vorurteile können nur durch begründete Urteile aufgehoben werden. Das aber macht Arbeit und kostet Zeit.

Was allerdings der Bericht unterschlägt ist, dass Vorurteile im Alltag eine nicht zu unterschätzende Aufgabe haben: Sie entlasten vom Aufwand, Entscheidungen jedes Mal auf der Basis eine angemessen großen Datenmenge entscheiden zu müssen. Das ist nämlich nicht immer möglich und angebracht ode resfehlt dafür an Kraft und Zeit. Das führt naheliegend zu Diskriminierungen, da nicht der konkrete Fall, sondern ein Muster zugrunde gelegt wird. Diese Diskriminierungen kann man solange hinnehmen, solange sie nicht zu entschieden falschen Einschätzungen und falschem Verhalten führt. Etwa nach dem Muster, alle Männer sind …, alle Frauen sind …, alle Schwarzen sind …, alle Migranten sind …

Spätestens dann nämlich muss das Vorurteil durch ein begründetes Urteil ersetzt werden, und zwar nicht allein, weil das Vorurteil moralisch zu verwerfen ist, sondern insbesondere weil es zu falschen Urteilen kommt.

Freilich, immer den Punkt zu treffen, an dem ein „Vor-Urteil“ zu einem „falschen Urteil“ wird, ist nicht leicht, wenn nicht unmöglich. Grundsätzlich lassen sich Vorurteile aber an ihren Verfahren erkennen, mithin an den Abkürzungen, die sie nehmen, um ein Urteil fällen zu können. Das ist zwar wenig hoffnungsvoll, aber aller Voraussicht nach alternativlos, und zwar allein deshalb, weil ein Leben ohne Vorurteile kaum vorstellbar ist. Man darf sich eben nur nicht auf ihnen ausruhen, spätestens dann wenn es Unruhe um sie gibt.


Partnerschaftliche Aufteilung der Erwerbs- und Familienarbeit (Ehegattensplitting 2)

3. Januar 2021

Hans-Georg Nelles, Bundesvorsitzender des „Bundesforums für Männer“, stimmt im übrigen der Stellungnahme von Frau Kugel zu: Das Ehegattensplitting wirke „einer partnerschaftlichen Aufteilung der Erwerbs- und Familienarbeit“ entgegen (so im FAS-Interview vom 3.1.2021). Hintergrund ist die (wie beschrieben) aus verschiedenen Gründen höhere Entlohnung von Männern, die steuerlich durch das Ehegattensplitting nicht bestraft wird, sondern durch die gemeinsame Veranlagung zu höherer Liquidität bei Paaren führt (wenn denn die Ehefrau aus den ebenfalls beschriebenen Gründen strukturell weniger verdient).

Nun sind die Gründe für die strukturell resp. häufig bessere Bezahlung von Männern sehr vielfältig: unterschiedliche Karrierestände, etwa durch Altersdifferenz oder dadurch, dass Frauen häufiger Elternzeit beanspruchen als Männer und damit einen größeren Teil der Erziehungs- und Familienarbeit übernehmen. Mehrarbeit, die reduziert werden könnte, gehört zwar zu den Gründen, ist aber nicht der alleinige.

Hinzu kommt, dass die finanzielle Besserstellung Paaren in der Phase der Familiengründung oft zupass kommt, zumal die teilweise Freistellung derjenigen, die die Erziehungsarbeit leisten, damit finanziell teilweise kompensiert werden kann. Dass diese Struktur die bestehende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung verfestigt, dem kann kaum widersprochen werden.

Allerdings ist zu fragen, ob die Aufgabe des Ehegattensplitting den Effekt hätte, dieses Problem zu lösen resp. ob ein solcher Schritt nicht gerade die wirtschaftlichen Engpässe von Familien in der Frühphase verschärfen würde. Wenn denn die Argumentation auf Paare mit Kindern fokussiert wird.

Ob die Aufgabe des Ehegattensplitting dazu führen kann, dass Männer mehr der Familien- und Erziehungsarbeit übernehmen, weil Karrierefortschritte oder Mehrarbeit steuerlich sofort in großem Maße kompensiert würden, ist zu klären. Aber das Argument zielt ja weiter: Statt der Männer müssten dann Frauen mehr arbeiten, was – so das Argument – zu einer Neuaufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit führen würde. Der Ausfall der Vergütung der Männer wäre über die bessere Vergütung von Frauen zu kompensieren, Frauen müssten weniger, Männer mehr der Familienarbeit übernehmen. Die Umstrukturierung von Verhaltensmustern liefe also über die wirtschaftliche Schlechterstellung von Paaren im Vergleich zu heute und dem Anreiz für Frauen, das zu kompensieren.

Interessant wäre dafür ein Blick auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in den sozialistischen Staaten, wie ihn jüngst noch von Kirsten R. Ghodsee geworfen hat. Allerdings steht im Hintergrund noch der Eindruck, dass die wirtschaftliche Gleichstellung von Frauen in den sozialistischen Staaten zwar zum einen zu einem massiven Ausbau der Sozialleistungen geführt hat (Kitas, Ganztagsschulen etc.), zum anderen aber die geschlechtsspezifische Aufteilung von Familienarbeit nicht aufgehoben hat, sondern zu einer Doppelbelastung von Frauen durch Familien- und Erwerbsarbeit geführt hat. Aber das mag ein ungeprüftes Vorurteil sein.

Im übrigen: Gegen eine partnerschaftliche Aufteilung der Erwerbs- und Familienarbeit kann niemand etwas haben. Was aber im Kern bedeutet, dass die Aufteilung von Paaren getroffen werden muss (partnerschaftlich) und dass dabei der Zugang zu Ressourcen und Rechten gleich sein und bleiben muss.