Albernheiten, lyrisch

11. April 2019

Welch unsicheren Stand die Lyrik hat, lässt sich gelegentlich an der Berichterstattung erkennen. Auch in Medien, die dazu nicht berufen sind, weil was hat Volkes Stimme in der Kunst zu suchen? Zumal dann, wenns nur die vermeintliche ist: Da berichtet die BILD-Zeitung am 9.2.2019 doch tatsächlich davon, dass die Stadt Frankfurt (Main) ein Lyrik-Event mit 250.000 Euro unterstützt. Ein Event immerhin für einen „etwas spezielleren Geschmack“, heißt es in dem Artikel, der sich dann genüsslich im Werk eines schwedischen Lyrikers suhlt, der auch bei dieser Gelegenheit gelesen hat und in dessen Texten jemand den Finger in diverse Körperöffnungen stecken soll.

250.000 Euro für solch einen Schwachsinn, wo Städtische Bühnen und Zoo dringend Geld brauchen (also die Orte wo die einen oder anderen Leute hingehen)? Zur Lyrik eben nicht. Da titelt man doch gern: „Noch ganz dicht?“ Was ein lustiges Wortspiel sein könnte, aber kaum mehr als ein „na und?“ verdient. Wenns danach ginge, gäbs Diverses nicht. Immerhin wurde mal eine Veranstaltung mal nicht mit 5.000 Euro abgefunden, die sich mit Lyrik beschäftigt.

Nun ist es kein Todesurteil, wenn die BILD-Zeitung derart über Lyrik urteilt. Und man muss die Kulturleistung der BILD-Zeitung hochachten, hat sie es doch – verstärkt in jüngster Zeit – geschafft, eine sterbende Institution wie den Stammtisch wenigstens virtuell am Leben zu erhalten. Das ist eine Leistung.

Den Hinweis auf diesen real existierenden BILD-Artikel, der sogar namentlich gezeichnet ist, kann man einem Bericht zum Lyrik-Kongress und -Event entnehmen, der am 11.3.2019 in der FAZ erschienen ist. Und eben auch ein paar Hinweise dazu, wie denn die neuesten Lyriker so ticken. Sie kämpfen mit der schnellen Veraltung (also mit den Säuen, die durchs Dorf gejagt werden, an dessen anderem Ende sie auch nur geschlachtet werden) und damit, dass sie sich unter der Hand dem „verkorksten Unternehmejargon“ anzunähern scheinen. Und eben mit der Angst, nicht gelesen zu werden. Aber die sollte doch schon lange zum Alltag von Lyrikern gehören – wenn denn diese Angst nicht eh Teil einer Weltanschauung ist, in der Gedichte zum Lesen da sind. Und auch wenn der Berichterstatter zum Schluss davon spricht, dass eine „Rettung“ der Lyrik nur „in einer größeren Leserschaft“ bestehe, muss man bezweifeln, ob sie sie erreichen wird.

Stünde ihr nicht mehr Selbstbeüglichkeit besser? Immerhin noch in den glorreichen 1960er Jahren schrieb Günter Eich von den beiden Lesern, die er hatte. Aber wieso: Die Literatur war gerade abgeschafft, Lyrik aber erzielte hohe Auflagen, und dennoch die ironische Klage Eichs. Was sollen heutige Lyriker da erst sagen?

Was aber spricht der Lyriker? Der eine fragt öffentlich: „Hast du das Gefühl am Anfang eines Prozesses zu stehen“. Und der andere antwortet ebenso öffentlich: „Das weiß ich noch nicht so genau.“ Auch das ist dem Bericht der FAZ zu entnehmen, und ist sehr lustig. Solche Formen der Erweiterung der Sprachwahrnehmung und -verwendung haben wir doch gern. Auch wenn aus einer Zeile Lyrik etwas ganz anderes wird, kaum wird sie übersetzt. Da dürfen Zuhörer und Leser auch mal lachen. Oder vulgo: Niemand ist ohne Fehl, aber die Rettung der Menschheit durch lyrischen Sprachgebrauch muss dann wohl doch noch vertagt werden.


Dichtung im Untergang

18. März 2019

„Geh aber nun und grüße / die schöne Garonne — “

Die Verfechter der gesellschaftlichen Bedeutung von Lyrik scheinen nur noch den Untergang zu moderieren. Die Basis ist die schwindende Rezeption von Lyrik, die etwa in einem Beitrag von Matthias Fechner in der FAZ vom 28. Januar 2019 mit dem Verfall von Allgemeinbildung oder einem schwachen Zustand von Kultur und Bildung kurzgeschlossen wird. Es lohnt sich dafür die Einleitung seines Beitrags („Demenz des kollektiven Gedächtnisses“) anzuschauen, in dem er die Ursache für die nachlassende Bedeutung der Lyrik (hier wieder gern „Dichtung“ genannt) in der mangelnden Vermittlung in der Schule verortet, an jenen „Einrichtungen“ also, so das Zitat, „an denen alle jungen Menschen irgendwann einmal einen inspirierenden Umgang mit Dichtung erlebt haben sollten“ (arme Schule).

„Die geistige Begegnung“ – welche auch sonst? – „mit der Dichtung“ – es folgt eine Aufzählung diverses kanonisierter Texte von Hölderlin bis Bachmann – „vermag immer noch biographische Weichen zu stellen“ (???). Die Richtung, in die diese Weichen gestellt werden, wird sogleich auch näher bestimmt: Es sind „sprachliche Hochkultur“, „sprachliches Qualitätsbewusstsein“, „Gefühl der Zusammengehörigkeit“, was als Leistungen der „Dichtung“ summiert wird, in der Fortsetzung: Vermittlung „menschlicher (welche sonst?) Gefühle“, selbstverständlich „mit wenigen Worten“, „Empathie“, „Verstehen“, „Verstanden werden“, die „Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzudenken“, die Aufforderung, „eigene Gedanken und Gefühle jenseits der Alltäglichkeit zu artikulieren“. schließlich sei „Dichtung“ das „Ausdrucksmedium, in welchem existentielle Fragen von Leid, Tod, Liebe oder spiritueller Erfarung am unmittelbarstn verarbeitet werden“.

Was solche Aufgaben und Leistungen angeht, sieht Fechner sogar die „kleinsten Dorfschulen“ in „China“ noch in der Vorhand, würden dort doch „im gemeinsamen Lernen, Rezitieren und späteren Erinnern“ Erfolge wie Zusammengehörigkeitsgefühl und Qualitätsbewusstsein erreicht. Und naheliegend fehlt nicht der Verweis aufs obligatorische Auswendiglernen – damit habens die falschen Lyrikfreunde.

Davon einmal abgesehen, dass chinesische Dorfschulen keine angemessene Referenz darstellen – oder wollte Fechner die chinesische Gesellschaft als Vorbild für europäische darstellen? (ich seh uns schon alle im Kreis zusammenhocken und Gedichte erinnern, um ähnöich erfolgreich zu werden wie China) -, davon einmal abgesehen, dass die von Fechner angeführten existenziellen Fragen ein wenig an spätpubertäre Orientierungsbedürfnisse erinnern (ja, das ist polemisch, aber irgendwie retten sich solche abgedroschenen Floskeln, die nicht anderes sind als eine intellektuelle Bankrotterklärung, über die Jahrzehnte, und das darf man auch einem Matthias Fechner nicht durchgehen lassen), abgesehen davon, dass ein Teil der Aufgaben und Leistungen der „Dichtung“ (wenn auch weniger hochtrabend) der Job jeder Kommunikation sind, sind Fechner zwei Zitate aus Gottfried Benns Vortrag „Probleme der Lyrik“ aus dem Jahr 1951 entgegenzuhalten: „Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten – ein Gedicht wird gemacht.“ Und: „Wenn Sie vom Gereimten das Stimmungsmäßige abziehen, was dann übrigbleibt, wenn dann noch etwas übrigbleibt, das ist dann vielleicht ein Gedicht.“ Daran kann man sich einigermaßen halten, und ansonsten die Aufgaben der Lyrik (oder auch allgemeiner der „Dichtung“) weniger allumfassend, weniger weltuntergangsgetrieben vorstellen.

Es ist bezeichnend, dass die Essayistik zur Lyrik sich von mal zu mal schwerer tut, die Bedeutung von Lyrik zu definieren und sich ins Grundsätzliche verirrt. Hinzu kommt, dass – wenig verdeckt – ein anachronistisches Konzept von Literatur propagiert wird, in dem einerseits die Stiftung von Gemeinschaft, andererseits die Sicherung des sprachlichen Niveaus und damit von Kultur als Kernaufgaben dieser spezifischen Textform beschworen werden. Das deutet darauf hin, dass den offenen Gesellschaften fehlende Gemeinschaft und deren sprachliche Verfahren fehlendes Niveau unterstellt werden. Das kultur-konservative Motiv dahinter ist offensichtlich. Zugleich – und dies soll an dieser Stelle gesagt sein – dieser Ansatz verfehlt die Texte von Hölderlin bis Bachmann, auf die sich Fechner beruft, egal ob sie selbst wiederum einer verlorenen Zeit nachtrauern oder sich in den Verhältnissen nicht wiederfinden.


Breit, nicht stark

13. März 2019

Gerald Seymour protokolliert eine britische Geheimdienstaktion: „Vagabond“ und lässt seine Leser leiden

Das Ende der Geschichte hätte beinahe auch das Ende der Geschichten um Agenten, Doppelagenten und die bös-attraktiven Aktivitäten der großen alten Geheimdienste mit sich gebracht. Aber zum Glück generierte der Niedergang der Sowjetunion neue Themen. Und auch andere Krisengebiete wie Südafrika oder Nordirland brachten ihren Beitrag zur Verwirrlage der internationalen Beziehungen bei.

Die Entmilitarisierung der IRA, die über Jahrzehnte hinweg mit allen Mitteln gegen Großbritannien gekämpft hatte und dann schließlich doch in einen Friedensprozess einwilligte, zieht vor allem im britischen Krimi größeres Interesse auf sich.  Gerald Seymour hat mit „Vagabond“ nun seinerseits seinen Beitrag beigebracht, in dem sich die versprengten Reste der militanten irischen Kämpfer mit dem britischen Geheimdienst messen.

Eine kleine Gruppe von Iren versucht, Waffen von einem russischen Waffenhändler zu kaufen. Vermittelt wird das Geschäft von einem dubiosen Händler, der als Agent und Lockvogel des britischen Geheimdienstes dienen muss, nachdem er bei einem seiner früheren Deals aufgeflogen ist. Ziel der Briten ist es vorgeblich, die Iren während des Deals hochzunehmen und dabei gerichtsverwertbare Fakten zu ermitteln. Der zuständige Abteilungsleiter reaktiviert für diese Aktion einen früheren Feldagenten, der im Irland-Konflikt für die Drecksarbeit zuständig war. Das ärgert zwar die Agentin, die die Aktion bislang geleitet hat, aber was will sie machen?

Die Aktion wird durchgeführt, der Waffendeal platzt, der Waffenhändler wird hochgenommen, der Agent der Rest-IRA kehrt zwar unbehelligt nach Irland zurück, ist aber verbrannt und zum Abschuss freigegeben, der altgediente Feldagent kommt um. Alles nur eine Frage der Zeit.

„Vagabond“ hat also eine mäßig komplizierte Geschichte, Gerald Seymour  braucht jedoch knapp 500 Seiten, um sie zu erzählen. Was, offen gesagt, etwa 250 Seiten zu viel sind. Warum? Seymour ist einfach zu genau.

Das Problem liegt darin, dass Seymour offensichtlich alles besonders gut machen will und jeden Schritt, jede Bewegung, jede Aktion der Beteiligten detailliert beschreibt. Statt einer Geschichte, die auf ihren Kern fokussiert ist, legt Seymour das Protokoll einer Aktion in versplitterten Einzelteilen vor, die am Ende ganz anders aussieht, als es am Anfang den Anschein hat.

Also eigentlich ein klassischer Suspense-Ansatz, der eben nur von Seymour völlig vergeigt worden ist. Eigentlich hätte der Plot alles, was für einen dynamischen, ja rasanten Thriller gebraucht wird, bei dem der Verfasser weiß, worauf es ankommt: Akteure, die vor nichts zurückschrecken, ein Deal, der internationale Kreise zieht, eine Terror-Splittergruppe, die das große Comeback versucht.

Berichtet wird stattdessen alles, was alles vorkommt: die Vorgeschichte der beiden irischen Delegierten, des englischen Feldagenten und seiner Kollegen. Seymour folgt seinen Figuren auf Schritt und Tritt. Trennen sich zwei, folgt er eben beiden. Er bohrt in ihren Motiven und Dispositionen so lange, bis auch ja nichts mehr unerwähnt geblieben ist. Die Eheprobleme des Vermittlers? Warum die junge Irin sich hat anwerben lassen? Weshalb der titelgebende englische Agent wieder einsteigt?

So werden Leser mit einem unendlich scheinenden, mühselig sich voranschiebenden Textbrei über die Seiten gehievt, und hoffen beständig, dass die Geister, die sie mit dem Erwerb dieses Thrillers gerufen haben, endlich wieder verschwinden mögen.

Selbst die Wendung, die die Geschichte gegen Ende nimmt, geht fast im einerlei dessen, was sich auf den Textseiten ausbreitet, unter. Und das Überraschende an dem Moment, dass eine verdeckte Operation ihrerseits Zielen folgt, die erst spät aufgedeckt werden, mag nicht wirklich zu erschüttern. Ob nun russische Waffenagent oder irische Splittergruppe das Ziel sind, was solls. Im Text sind sie alle gleich. Selbst der Untergang des Titelhelden wird nur deshalb mit größerer Aufmerksamkeit wahrgenommen, weil er auf den letzten dutzend aller Seiten protokolliert wird, nur eben nicht inszeniert. Darauf kommt es aber nicht an, wenn es um einen gut erzählten Krimi geht, was Gerald Seymour zweifelsfrei anzulasten ist. Da helfen auch die besten Absichten nicht.

Gerald Seymour: Vagabond. Thriller. Aus dem Englischen von Zoe Beck und Andrea O’Brien. Hrsg. von Thomas Wörtche. Suhrkamp, Berlin 2017.


Über den Martensteinschen Ausnahmezustand

11. März 2019

Harald Martenstein hat sich im Zeitmagazin vom 14. Februar 2019 einer gedanklichen Übung unterzogen. Er hat, wie er einräumt, das Prinzip „Triage“, das Rettungssanitäter anwendeten, auf die Behandlung von „Gefährdern“ übertragen, also von Zuwanderern, die kein Asyl bekommen und „nachweislich selbst gefährlich“ sind.

Das Prinzip Triage beschreibt er folgendermaßen: Rettungssanitäter, so Martenstein, konzentrierten sich bei Unfällen darauf, den Opfern zu helfen, bei denen sich der Einsatz „lohnt“, die also so stark verletzt sind, dass ihnen geholfen werden muss, aber nicht so stark, dass die Hilfe eh nichts mehr nutzt. Leicht Verletzte werden ebenso ignoriert wie Verletzte, bei denen Hilfs nichts mehr nutzen würde.

Nun scheinen seine folgenden Überlegungen auf einer ähnlichen Logik zu basieren: auf einer Güterabwägung, hier zwischen der Gefährdung des „Gefährders“ und der Gefährdung des Opfers. Martenstein wägt aber nicht ab, ob Hilfe nützlich wäre, sondern ob ein „Gefährder“ dieselben Rechte auf Schutz vor Gefahr hat wie ein „Opfer“. Und da sagt Martenstein, wenn ich ihn richtig verstehe: Nein.

Nun krankt sein Vergleich an folgendem Problem: Diese Prinzip Triage ist auf eine Situation zugeschnitten, die von folgenden drei Elementen bestimmt ist: 1. eine große Zahl an Fällen, 2. zu geringe Ressourcen an Helfern und Material und 3. Zeitknappheit. Zeitknappheit habe ich deshalb als gesondertes Problem behandelt, weil es die Ressourcenknappheit an Mensch und Material verschärft. Gäbe es kein Zeitproblem, wären die Elemente 1 und 2 nicht so schlimm, dan würde man einfach einen Fall nach dem anderen behandeln und gut wär. Aber Zeitknappheit heißt, dass, um erfolgreich handeln zu können, mehr Leute und mehr Material notwendig wären, um allen helfen zu können. Das Prinzip Triage ist also ein Prinzip, das im Ausnahmezustand angewendet werden muss, um die Zahl der Opfer so klein wie möglich zu halten.

Nun muss die Entscheidung, ob ein „Gefährder“ ausgewiesen werden muss resp. sollte oder nicht, nicht in einer Situation gefällt werden, die von einer übergroßen Zahl, von Mangel an Ressourcen und Zeitdruck bestimmt wird. Sie wird in einer einigermaßen regulären Situation gefällt, eben nicht im Ausnahmezustand. In ihr können, genauer: müssen Kriterien wie Angemessenheit, Gleichbehandlung, Rechtssicherheit und auch Kosten ganz allgemeiner Art angewendet werden.

Vergleichbar wären die Entscheidungen, wenn sie gleichermaßen im Ausnahmezustand gefällt werden müssen. Das Verfahren aber, das ein Sanitäter am Unfallort wählt, um überhaupt helfen zu können, ist aber anders legitimiert als ein Verfahren, in dem es darum geht, ob ein Zuwanderer, der kriminell geworden ist oder als Gefährder eingestuft worden ist, ausgewiesen werden sollte, auch wenn er durch die Ausweisung selbst wieder gefährdet wird. In beiden Fällen mag man zu ungerechten Urteilen kommen, in dem einen Fall hat man aber keine Zeit und keine Wahl, in dem anderen aber schon. Und wo man Zeit hat, gibt es keinen Grund, ein rechtsstaatlich gebotenes Verfahren aufzuheben, das unter anderem verfügt, das jeder Mensch dieselben Rechte hat, auch ein Täter, der nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.

Hinzu kommt, dass sich Martenstein seine „Gefährder“ und „Opfer“ zurechtlegt.
Etwa indem er einen Zuwanderer, der ein verurteilter Straftäter ist, mit einem Gefährder gleichsetzt.
Das ist aber nicht korrekt.

Ein Gefährder ist erst einmal jemand, von dem die Behörden annehmen oder auch mit Sicherheit sagen können, dass er verfassungsfeindliche bis hin zu terroristische Taten plant. Bei einer Person, von der man annimmt, dass sie als Leibwächter von Usama bin Laden tätig war, kann man das vielleicht mit Recht sagen. Aber dies ist – wenn keine weiteren Hinweise und Belege hinzukommen – bestenfalls eine Annahme, die sagt: Wer einmal sich auf diese Seite gechlagen hat, wird diese Entscheidung nicht mehr revidieren. Was in diesem Zusammenhang eine „nachweislich gefährliche Person“ ist, bleibt offen. Aber der Umstand, dass eben die Gefährdung nachgewiesen werden sollte, ist schon Hinweis genug.
Was im übrigen auf die eigene Geschichte angewendet, ganz weitreichende Konsequenzen hätte, aber das nur nebenbei.

Ein verurteilter Straftäter hingegen ist erst einmal etwas ganz anderes, er ist ein verurteilter Straftäter. Ob die Straftat einen terroristischen Hintergrund hat oder ob banaler Ladendiebstahl dahintersteht, ist damit nicht gesagt. Man kann wohl auch davon ausgehen, dass ein verurteilter Straftäter seine Haft absitzt und dann entweder freigelassen oder abgeschoben wird. Wobei die Abschiebung mit anderen Rechtsgütern kollidiert, was es eben nicht einfach macht. Auf jeden Fall darf man einem Straftäter, der seine Haft abgesessen hat, erst einmal unterstellen, dass er damit seine Tat gebüßt hat. Damit ist es nicht immer getan, aber in den allermeisten Fällen anscheinend schon.
Straftaten, wie sie durch Presse gehen, sollen hier nicht bagatellisiert werden (darunter sind ja immerhin einige Fälle, in denen Leute umgebracht wurden), aber auch unter Zuwanderern befinden sich nicht nur Straftäter, und unter zugewanderten Straftätern nicht nur Mörder oder eben die vielangesprochenen Intensivtäter.

Aber zurück zum Gefährder: Gefährder und verurteilte Straftäter sind also nicht dasselbe. Was eben zu dem Umstand führt, dass ein sogenannter Gefährder auch „frei herumlaufen“ kann, wie das Martenstein formuliert (wie er das macht, wenn er eine „nachweislich gefährliche Person“ ist, weiß ich nicht). Was wohl heißen soll, dass man dem Gefährder einen konkreten Verstoß gegen die Rechtsordnung nicht nachweisen kann. Was will man tun? Den Mann sicherheitshalber trotzdem schnell rausschmeißen?

Interessanterweise hieße das nämlich, dass man einem Zuwanderer lediglich nachsagen müsste, dass er ein „Gefährder“ ist, und schon muss ich ihn ausweisen, weil ich anderenfalls riskiere, dass er tatsächlich entweder Terrorist oder Krimineller ist. Nichts einfacher als das. Martenstein geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er nämlich mit einem Mal von einer „potenziellen Gefahr“ spricht, die von einem Gefährder ausgehe. Von dem Gefährder geht also keine Gefahr aus, sondern eine potenzielle Gefahr. Und wenn ich abwägen muss zwischen der potenziellen Gefahr, der ich ihn aussetze, indem ich ihn in ein unsicheres Land ausweise, und der potenziellen Gefahr, der ich meine Mitbürger aussetze, indem ich ihn im Land lasse, weiß ich, was ich zu tun habe: raus mit ihm.

Nur zur Erinnerung, der Sanitäter am Unfallort, schützt keine Leute vor einen potenziellen Gefahr oder rettet sie potenziell, sondern tut sein Möglichstes, um Leben von so vielen wie möglich zu retten. Vielleicht gelingt ihm das, vielleicht nicht. Aber die Situation und sein Handeln sind sehr konkret. Das Handeln von Behörden gegenüber „potenziellen“ Gefährdern ist weit entfernt von einer solchen Konkretheit. Allein schon deshalb, weil ja nicht nur jeder Zuwanderer eine potenzielles Gefahr darstellt, sondern auch jeder Hiesige. Ob die einen mehr und die anderen weniger, ist zwar auch noch nicht gesagt, aber das diskutiert Martenstein überhaupt nicht. Statt dessen schmeißt er erstmal in seinen Überlegungen alle raus, die reinwollten. Für eine Zivilgesellschaft mit der deutschen Vergangenheit ist das nicht akzeptabel. Wenn man ihn beim Wort nehmen würde, wärs auch fatal für die Gesellschaft insgesamt. Was soll der ganze Scheiß mit Grundrechten, wenns um „potenzielle“ Gefahren geht. Und sind wir nicht alle potenzielle Gefährder? Statistisch gesehen schon.


Toilettenwitze

6. März 2019

Einträge auf Toilettenwände und -türen sind nicht einmal auf Universitäten besonders witzig. Von Büttenreden, in denen Toilettenwitze gemacht werden, erwartet man auch nicht viel. Wenn nun eine Parteivorsitzende eine Büttenrede hält, dann hat sie das Problem witzig sein zu sollen, ohne das dann ernst gemeint zu haben. Ein Dilemma, dem sie nicht entkommt, außer sie macht sich über sich selbst lustig. Toilettenwitze sind – egal in welcher Rolle – für solche Redner ein schwieriges Terrain.

Nun hält Frau Kramp-Karrenbauer wohl schon seit mehreren Jahren Büttenreden als Putzfrau Gretel vom Landtag. Das ist eine schöne Volte des Karnevals, dass er auch in diesem Fall die Welt auf den Kopf stellt: Die Vorsitzende der größeren Regierungspartei posiert als jemand von ganu unten? Und tut dann was kund? Wahrheit? Wie gesagt, kein Problem, solange sie sich und Ihresgleichen aufs Korn nimmt.

Nun hat jene Putzfrau Gretel folgendes wohl gesagt (ich entnehme das einem Bericht der „Welt“): „Wer war denn von euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen ist diese Toilette.“

Gegen wir davon aus, dass Gretel nicht sagen wollte, dass die CDU-Vorsitzende zur Latte-macchiato-Fraktion gehört, die wohl ein später Ableger der legendären Toskana-Fraktion ist. Sie spricht also nicht über ihr Alter Ego – was das benannte Dilemma auslöst. Meint das Frau Kramp-Karrenbauer oder meint das Gretel? Und muss man Gretels Meinung Frau Kramp-Karrenbauer zuordnen? Ganz aus der Nummer raus kommt die Parteivositzende wohl nicht, nicht mal mit dem Hinweis, man müsse auch mal einen derben Spaß hinnehmen. Das muss man sicher, wenngleich sich ihn die CDU-Vorsitzende nicht so einfach leisten kann.

Auf wessen Kosten aber geht nun der Spaß? Zu Lasten der Latte-macchiato-Fraktion? Soll wohl, und sie solls aushalten. Zu Lasten von Intergender-Personen, die nicht wissen, ob sie im Stehen oder Sitzen pinkeln sollen oder dürfen? Wieso eigentlich? Denn eigentlich geht der Witz zu Lasten derjenigen, die es anscheinend für ein geschlechtspezifisches Merkmal halten, dass Männer im Stehen, Frauen im Sitzen pinkeln, Intergender eben irritiert sein müssten. Angeblich soll es Leute geben, die das so sehen und die es für einen Angriff auf ihre sexuelle Identität halten, wenn von ihnen erwartet wird, dass sie im Sitzen ihr Geschäft verrichten. Gerade Putzfrau Gretel müsste aber wissen, dass Männertoiletten (Variante englisches Sitz- und Wasserklosett) gerade dann eine Anfechtung sind, wenn Männer dort ihre angebliche sexuelle Identität ausleben und im Stehen pinkeln. Insofern wundert es, dass Gretel nicht berufskonform fordert, dass alle gleichermaßen sitzen (egal welches Geschlecht), damit sie weniger hinreichend schmuddelige Arbeit hat (dann würde sich sogar die zweite Toilette erübrigen). Was darauf deutet, dass Frau Kramp-Karrenbauer ihre Rolle nicht genau genug studiert hat. Volkes Stimme soll wohl doof sein und eigene Interessen nicht kennen.