Radikal subjektiv

8. August 2019

In seiner jüngst erschienenen Sammlung verstreuter Essays hat Durs Grünbein auch zwei Texte zum Selbstverständnis als Lyriker veröffentlicht. Unter dem Titel „Fußnote zu mir selbst“ und „Das Punktum des Gedichts“ weicht Grünbein vom Tenor der essayistischen Bemühungen ab, der Lyrik eine spezifische gesellschaftliche Bedeutung und damit eben auch Rang zuzuweisen: Rettung der Welt, des Essentiellen, des Sprachbewusstsein oder auch des Auswendiglernens, mithin der abendländischen Kultur stehen da sonst im Angebot, was insgesamt wenig plausibel ist. Bedeutungsverlust mit Bedeutungsanspruch zu beantworten, ist vielleicht sogar eine erfolgversprechende Strategie. Man wird sehen. Aber es sollte misstrauisch machen, dass Prinzip aus der Werbung stammt, wo alles zum Ereignis und jedes KMU zum Weltmarktplayer aufgebrezelt wird. Nicht versteckte, sondern Scheinriesen allesamt, was man eben erst merkt, wenn man ihnen nahe genug kommt.

Statt externe Funktionen in Anspruch zu nehmen, mit denen Lyrik aufgewertet werden kann, geht Grünbein den umgekehrten Weg. Er fokussiert radikal auf sich selbst: „Das Gedichteschreiben ist wohl zuallererst eine Übung in radikaler Selbsterforschung“ (10), heißt es im ersten, und: „Wer Gedichte schreibt, kommt sich selbst näher und entfernt sich im selben Schwung wieder von sich“ (91), im zweiten Text. Das ist in der Tat nicht nur psychisch, sondern auch physisch gedacht, denn gerade die Erfahrung eines totalitären Regimes, das über seine Staatsbürger, gerade über ihren Körper verfügt, hat den Bezug auf das Individuum in seiner mehrfachen Ausstattung verstärkt: Wenn über den Körper verfügt wird, dann geht der Intellekt mit dem Gedicht über die „Grenzen des Körpers und der geschlossenen Gesellschaft hinaus“ (11).

Ausgangspunkt des Schreibens, in diesem Fall des lyrischen Schreibens, ist der Einzelne: „Ich mißtraue mir – das ist der Anfang.“ (96) Ein Einzelner zumal, der sich gegen die Zumutungen der Gesellschaft und des Staates wehren muss und will. Was bliebe ihm sonst? Der Untergang in diesen Zumutungen. Stattdessen also die Selbstbehauptung, die den Weg über Sprache, allerdings nur über die „gewöhnliche Sprache“ (95) und über das Schreiben nimmt.

Das verdammt den Lyriker (den Schreibenden, denn auch die Trennung von „Dichten und Denken“, was als Formen intellektuellen Arbeitens zu verstehen ist, will Grünbein aufheben) in der Gesellschaft zur Einsamkeit, zum Nonkonformen, der Dichter ist niemandem verpflichtet als sich selbst. Und damit nimmt er naheliegend ein Muster auf, das um 1900 vakant war, das den Künstler generell die Position des internen Externen zuwies. Teil der Gesellschaft zu sein, die er beobachtet, verarbeitet und die Gegenstand seiner Arbeit ist, dient nicht zuletzt dazu, ihm eine Sonderstellung zuzuweisen.

Sicher, Grünbein wendet diese Fokussierung auf den archimedischen Punkt des Lyrikers gegen die Zumutungen der Gesellschaft, die „Generalisierungen“, „den Roman der Geschichte, die immer kollektiv voranschreitet, rechthaberisch in ihrem Anspruch, den Einzelnen mit seinen Eigenheiten zu vereinnahmen“ (10). Man meint ein Echo von Brechts „Aus einem Lesebuch für Städtebewohner“ zu vernehmen.

Aber eine solche Frontstellung ist ihm (was allemal jedes Geschlecht meint) zuzubilligen ist, auch wenn „Dichtung“ tunlichst auf sakrale oder gesellschaftliche Weihen verzichten sollte. Aber das wäre zu viel verlangt. Auf einen solchen Statusverlust wird man Grünbein nicht verpflichten können. Bei aller Modernität ist er nun doch offensichtlich der Dichterschaft verfallen – aber das bleibt hier auch nachrangig.

Relevant ist hingegen, dass er in diesem Zug allen Fremdbestimmungen und zugleich -aufwertungen eine Absage erteilt. Mit der radikalen Fokussierung auf das Selbst macht Grünbein die Lyrik von allen Abhängigkeiten und Zuweisungen frei, eine „Unabhängigkeitserklärung der Poesie“ (13) nennt er das.

Den Widerspruch, der darin besteht, dass diese radikale Selberforschung eben nicht nur sprachlich erfolgt, sondern auch noch verschriftet und publiziert wird, also an eine Öffentlichkeit adressiert wird, deren Ansprüche er soeben abgewiesen hat, hebt er nicht auf. Nicht zuletzt, weil er darin die Möglichkeit sieht, das persönliche Vorgehen für andere nachprüfbar zu machen. Lyrik agiert „demonstrativ“ (13).

Damit schmuggelt er sich unter der Hand wieder ins Soziale hinein, will er sich doch von der „Umwelt, von einem großen Teil der Menschheit“ abspalten, „um ihr auf eigenen Wegen wiederzubegegnen. In der Einsamkeit wird der Bund mit den anderen täglich erneuert.“ (93)

Vieles von dem, was Grünbein in diesen beiden Texten schreibt, ist immer noch einem Dichtungsverständnis verpflichtet, das man mystisch nennen kann, etwa wenn Grünbein die „lyrische Dichtung“, wohl Vischer zitierend, als „punctuelles Zünden der Welt im Subjecte“ versteht. Aber wer wäre Grünbein, wenn er einen solchen Satz nicht faszinierend fände? Grünbein glaubt an den „Augenblick“, „da sich etwas mitteilt“ – und rückt von sich selbst dabei ab. Mag sein, dass in solchen Mustern das Gedicht nicht mehr „gemacht“ wird, sondern sich mitteilt. Aber lieber solch extremer Selbstbezug als der verschwatzte Versuch, sich neue Bedeutung zuzuschreiben.

Durs Grünbein: Aus der Traum (Kartei). Aufsätze und Notate. Suhrkamp, Berlin 2019.


Alternativlose Politik?

2. August 2019

Bernhard Schlink,der nicht nur Jurist ist, sondern auch durch eine Reihe von Romanen bekannt geworden ist, hat in der FAZ vom 1.8.2019 („Der Preis der Enge. Wie der gesellschaftliche und politische Mainstream die Rechten stärkt“) die These vertreten, dass ein gesellschaftlicher und politischer Mainstream, der keine Alternativen mehr kennt oder zulassen will, zudem stark moralisch argumentiert, die politische Rechte stärkt. Die könne sich dann zurecht auf das Argument stützen, dass eine freie öffentliche Meinungsäußerung und Diskussion nicht mehr möglich sei.
Als Beispiele führt Schlink „die Abschaffung der Deutschen Mark und die Einführung des Euro, die Ost-Erweiterung der Europäischen Union, die Maßnahmen in der Euro-Krise, der Ausstieg aus der Kernenerfie und das Verhalten in der Flüchtlingskrise“ an. Alle diese Themen seien von der CDU/CSU durchgesetzt, schließlich von der SPD in Opposition und Regierung mitgetragen worden.
Nun mag das persönliche historische Gedächtnis trügen und auch der Einblick in politische Verfahren beschränkt sein, aber keines dieser Ereignisse, keine dieser Entscheidungen wurde unkritisch aufgenommen und ohne Wortmeldungen, die sich deutlich dagegen ausgesprochen haben, durchgesetzt. Ganz im Gegenteil, sie waren allesamt umstritten, der Streit dauert zum Teil mittlerweile mehr als zehn Jahren. Und hat institutionelle Konsequenzen: Immerhin geht die Gründung der AfD darauf zurück, dass die Kritik am Euro sich eine Partei suchte und sie eben gründete.
Also doch viel Streit? Alle andere wäre auch in einer politischen Landschaft wie unsriger kaum denkbar, in der jede politische Weichenstellung intensiv diskutiert wird. Dennoch werden Entscheidungen von Regierungen getroffen, ohne dass sie vorher ein Plebiszit durchgeführt wird, weil sie sie für richtig hält. Dafür muss sie sich rechtfertigen, und das Forum dafür ist die jeweils kommende Wahl.
Wie sollte das auch anders gehen? Führte man das Thema weiter, dann sind auch Entscheidungen wie der sogenannte Radikalenerlass, der Nato-Doppelbeschluss, die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Wiedervereinigung, die Aufnahme der Russlanddeutschen und vieles vieles mehr alternativlos gewesen und durchgesetzt worden. Nur weiß man, dass jede dieser Entscheidungen politisch begründet wurde – und dass sich daran lange politische Diskussionen entzündeten.
Unabhängig davon gibt es für jeden diese politische Entscheidungengute Gründe, die man nicht teilen muss, aber die auch nicht als Signum der Alternativlosigkeit abstempeln sollte. Das wäre nämlich nicht angemessen.
In der genannten Reihenfolge:

Einführung des Euro als Teil der europäischen Integrationsbemühungen mit weitreichenden wirtschaftlichen und politischen Konsequenze und die Ost-Erweiterung als Versuch der Integration der Staaten des ehemaligen Ostblocks in das europäische Projekt – keins dieser beiden Projekte wurde geräuschlos umgesetzt.

Die Maßnahmen in der Euro-Krise, mit der der Zerfall dieses Integrationsprozesses verhindert werden sollten, mit hohen Kosten, aber eben auch mit einem zumindst nachvollziehbaren Ziel.

Der Ausstieg aus der Kernenergie war die Reaktion auf einen GAU in einem KKW, eben kurz nachdem die Reaktorlaufzeiten in der Bundesrepublik neu vereinbart worden waren. Fukushima mag den Blick auf die Risiken der Kernenergie auch in CDU/CSU geschärft haben und es ist erstaunlich, dass beide Parteien einen kurz zuvor durchgesetzten Deal mit der Kernindustrie zu suspendieren bereit waren – aber ohne Diskussionen ist auch das nicht umgesetzt worden.

Das Verhalten in der Flüchtlingskrise: Es ist auffallend, dass sämtliche Zuwanderungsdiskussionen, die seit den 1990er Jahren geführt wurden (Boot ist voll etc.) völlig ausgeblendet werden. Die Situation im Herbst 2015 war tatsächlich krisenhaft und hat schnelles Regierungshandeln erfordert. Ob die Entscheidungen, die seinerzeit getroffen wurden, richtig oder falsch waren, dazu kann man unterschiedlicher Ansicht sein, sie wurden jedoch zu keinem Zeitpunkt unkritisch aufgenommen und lediglich hingenommen. Sie waren auch nicht alternativlos, die Regierung hat nur gehandelt, wie sie es für richtig hielt.
Schlinks These ist also an entscheidender Stelle nicht plausibel, sondern richtet die Wahrnehmung auf politisches Handeln spezifisch zu. Das gilt auch für einen angeblichen Mainstream, der moralisch argumentiert und nichts neben sich zulassen soll. Zwar ist es unübersehbar, dass politisch Positionen vertreten werden, in denen ein spezifische Handeln gefordert wird, was weit in den Alltagsbereich hineinreicht, aber diese Positionen müssten mehrheitsfähig werden, um sich durchsetzen zu können. Dass sie öffentlich vertreten werden, ist kaum zu kritisieren. Dass es in der öffentlichen Diskussion dazu Meinungsbilder gibt, ebensowenig.
Wie steht es aber um die Frage, ob man sich heute in der Öffentlichkeit nicht mehr frei äußeren dürfe?
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Äußerungen in der Öffentlichkeit immer sehr viel genauer wahrgenommen und bewertet wurden als im privaten Raum. Niemand hat je in der Öffentlichkeit sagen können, was er wollte. Gesellschaften haben das immer sanktioniert – hier geht es jedoch um angebliche Wahrheiten, die man nicht sagen darf. Und das ist schließlich etws anderes, wird doch unterstellt, dass die freie Meinungsbildung und -äußerung unterdrückt werden.
Hinzu kommt, dass eigentlich das Gegenteil korrekt ist: Mit den neuen Medien werfen Äußerungen andere Wellen, werden breiter wahrgenommen und stärker verbreitet. Neben den alten sind es diese neue Medien, die hier als Multiplikatoren funktionieren. Sie geben auch die Plattformen für Äußerungen ab, die deutlich weniger von Verhaltensnormen, Tabus oder tabuisierten Haltungen resp. Meinungen bestimmt sind als dies bei alten Medien der Fall war. Man möge sich doch nur die zahlreichen Merkel-Beschimpfungen im Netz u Gemüte führen und dann noch behaupten, dass sich hier irgendjemand in seiner Meinungsäußerung unterdrückt zeigt.
Das heißt, auf der einen Seite bekommen mehr Leute mit, wenn jemand Dummheiten macht und sagt, auf der anderen Seite schreiben Leute deutlich weniger gehemmt, was sie denken, ins Netz.
Wie aber steht es mit dem verengten Mainstream, den Schlink attestiert. Stimmt es, dass die Parteien keine „Ränder“ mehr haben, an denen abweichende Meinungen integriert werden? Das kann man angesichts der Diskussionen in der Union zur Flüchtlingskrise (man erinnere sich an die diversen Dispute zwischen Merkel und Seehofer) kaum sagen. Allerdings scheinen sich alle Parteien von einer Sicht auf die Gesellschaft weitgehend gelöst zu haben, in der eine einzige Ethnie (die es so ja auch nie gegeben hat) dominant wäre. Sie sind pluraler geworden und damit auch liberaler. Das mag der Grund dafür sein, dass es wenig Gemeinsames mit der politischen Repräsentantin der neuen Rechten gibt, aber der Dissens ist weniger von den etablierten Parteien oder Repräsentanten des Mainstreams geschaffen worden, als von der AfD und anderen Gruppen, die sich von einem Mainstream, der sich gängele und verdränge etc. abgegrenzt haben. Ähnliches ist zu dem Klischee zu sagen, dass große Teile der Bevölkerung nicht gehört würden und repräsentiert seien. Das lässt sich für eine Gesellschaft, die im Vergleich zu älteren Etappen der Nachkriegsjahrzehnte deutlich offener, legitimierter und transparenter ist, nicht wirklich behaupten.
Mit anderen Worten, Schlink plappert an politischer Rhetorik nach, was von Rechts derzeit in den Mainstream schwappt, mit dem vornehmen Ziel, solchen Positionen die Grundlage zu entziehen. Dabei macht er schlichtweg den Hauptakteur zum Opfer, resp. er akzeptiert die Inszenierung der AfD und anderer und wendet sie gegen eine Gesellschaft, die sich wenigstens als halbwegs liberal und offen positioniert hat. Das wirkt ein bisschen intellektuell paralisiert, ist nicht nachvollziehbar, als Basis eines politischen Agenda auch nicht tauglich.


Provinzwahn

24. Juli 2019

In der „Zeit“ vom 13. Juni schrieb sich ein Journalist, der auf dem Land lebt, seine ländlichen Sorgen von der Seele. Es geht in diesem Text um den „Riss in der Gesellschaft“, der dadurch entstehe, dass in der Stadt Beschlüsse gefasst werden, die auf dem Land ausgebadet werden müssten. Das hört sich viele Zeilen lang so an als gehe es um politische Macht, bis dann der Verfasser, ein Martin Machowecz, tatsächlich auf die Diskurshoheit zu sprechen kommt, die die „Großstädter“ hätten. Aber das wirkt so nachgelagert, dass man das nicht ernst nimmt, oder eine unentwirrbare Gemengelage entsteht (Macht hamse, und Dksurshoheit auch noch).

Sein Muster ist, dass die Grünen in der Stadt das Sagen haben und auf dem Land die Leute da etwas gegensetzen müssen, um dem nicht ausgeliefert zu sein, kein Wunder also, dass sie AfD wählen. Die Beispiele von Machowecz sind Wolf, Windkraftwerke, Abbau der Braunkohleverstromung, Dieselfahrverbote und Autobahn. Alles, was da passiert, steigere das Gefühl der Landbewohner, dass man sie nicht ernst nimmt, sie nicht hört und sie bevormundet. Dabei wäre es doch so einfach, wenn man mal akzeptieren würde, dass die Leute auf dem Land nicht bevormundet werden müssen, sondern dass alles, „was in diesem Land wichtig ist“, „vom Dorf kommt“, Brot, Ferien, Energie zum Beispiel. Warum dann immer mehr Leute in die Stadt wollen?

Zwischendurch schlägt Machowecz alle Orte unter 100.000 Einwohner mal eben dem Land und der Provinz zu. Aha.

Aber das beiseite: Es wäre sehr schön zu wissen, ob Stadtbewohner sich im Unterschied zu Landbewohnern immer gehört, ernst genommen und nicht bevormundet fühlen. Denn auch in der Stadt hat jeder nur so viel Einfluss, wie ihm das System zubilligt, etwa über eine Wählerstimme oder über die Anhörungen und dergleichen, die es zu Bauvorhaben gibt. Die Berliner Anrainer des Vorhabens Dresdner Bahn werden dazu zweifellos einiges erzählen können.

Politisch gesehen ist eine Stimmmungslage, in der Bürger eines Staates sich nicht berücksichtigt oder gehört fühlen, immer schwierig. Es kann eben sein, dass sie dann zu radikalen Parteien neigen, die ihnen schnelle Lösungen versprechen. Das ist zwar kurzsichtig und fatal, aber für eine Zeit hält die Wirkung einer solchen Wahl an, vor allem dann, wenn alles, was sonst noch schief geht, irgendwem angelastet werden kann. Eine komplexe moderne Gesellschaft hat mit einer solchen Struktur Probleme, behaupte ich, aber das müsste auch erstmal bewiesen werden.

Auch das Folgende: Es gehört zum Staatsbürgertum auch dazu, hinzunehmen, dass die eigene Ansicht eben auch unterliegen kann und nicht durchkommt. Dass nicht dann, wenn man irgendwas weghaben will, das dann auch sofort geschieht. Aber was das angeht, haben Städter dieselben schrägen Haltungen wie Landbewohner.

Organisatorisch aber wird es keine Alternative dazu geben, dass politische Macht sich in einer Stadt ansiedelt. Selbst Bonn war, was das angeht, groß genug. Oder vice versa: Weil sich Macht irgendwo ansiedelt, wird dann Stadt. Siehe Berlin. Damit haben wir dann den Salat, wenn der denn tatsächlich nur in Berlin angerichtet würde.

Denn tatsächlich werden viele Themen eben nicht irgendwo da oben entschieden, sondern in einem zugegeben komplexen, aber schon lokalen resp. regionalen Entscheidungsprozess. Etwa das Thema, wo Windenergieanlagen hinkommen. Das entscheiden nämlich nicht einfach mal so ein paar Städter, aber auch eben nicht einfach mal die Leute, die grad mal da wohnen. Man muss egal wo auch Zumutungen hinnehmen (Autobahnen, Bahnstrecken, Windparks, Atomkraftwerke). Was Braukohle angeht, wird es in Grevenbroich relativ viel Zustimmung geben. Dort leben die Leute, die bei der alten Rheinbraun angestellt sind. In Erkelenz aber, wo Garzweiler II gebaut wird, sind die Leute dagegen. Beides keine Metropolen.

Und wieso gehen Landbewohner nicht hin und nehmen das, was sie haben und machen was draus? Sie haben Windparks vor Ort? Die Gemeinden und Anrainer profitieren davon. Was geht noch mehr? Dieselfahrverbote? Treffen erstmal Städter und dann erst Landbewohner, die unbedingt mit dem alten Auto ins Zentrum wollen. Autobahn nicht verbreitert, obwohl schon lange versprochen? Erstmal schaun, obs Widersprüche von Anrainern gibt, denen die Autobahn vor die Nase gesetzt wird oder die dafür enteignet werden.

Was sagt mir das? Vor allem, dass der Text von Machowecz schlechter Journalismus ist, weil er sich die Welt so zurecht legt, dass sie ihm passt. Das geschieht in gewissem Umfang bei allen Texten so, aber hier ist das merkwürdig offenherzig und offener Unsinn: Die Polarität von Großstädtern und Landbewohnern ist ein Fantasma und das wird absolut über alles gesetzt, was Machowecz einfällt. Kein Wunder, dass am Anfang und Ende der Landbewohner der Blöde, und der Stadtbewohner der Arrogante ist. Dafür häts keine ganze Seite in der „Zeit“ gebraucht.

Und als Nachsatz dann doch mal einen Karl Kraus: „Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen; aber dies Locken gefallen dem Publikum besser als eine Löwenmähne der Gedanken.“


Identität statt Praxis?

5. Juni 2019

Die kulturelle Imprägnierung geschlechtspezifischer Muster scheint immer weniger bewusst zu sein, stattdessen werden – merkwürdige Verschiebung – sexuelle Praktiken und Vorlieben zu Identätsmerkmalen erklärt. Zwei Beispiele:

In einem Beitrag für die FAZ vom 17.4.2019 hat ein Mediziner, Eberhard Passarge, die schrittweise Festlegung von Körpern auf eines der beiden Geschlechter beschrieben. Basis seiner Skizze ist die Prämisse, dass es bei Wirbeltieren biologisch gesehen zwei Geschlchter gebe, m#nnlich und weiblich. Demnach ist bereits in der befruchteten Eizelle festgelegt, ob eine Entwicklung in Richtung männlich oder weiblich vollzogen werden wird. Aber, so räumt Passarge ein: „Zwischen beiden Geschlechtern kann zunächst nicht unterschieden werden. Erst nach Abschluss der Entwicklung ist dies möglich.“ Passarge unterscheidet zudem drei Ebenen der biologischen Geschlechtsbestimmung, die Ebene der Chromosomen, die der inneren und die der äußeren Geschlechtsorgane. Auf allen drei Ebenen finde Geschlechtsentwicklung statt. was bedeuten kann, dass bei jedem der nun folgenden Schritte eine Menge schief gehen kann, was zumindest die biologische Eindeutigkeit angeht. Außerdem können Ebenen fehlen oder einfach nicht zusammen passen.

Für Tiere schon blöd, bei Menschen kämen aber noch zwei Ebenen hinzu, die psychologische und die rechtliche. Es könne also sein, dass sich jemand nicht eindeutig als Mann oder Frau versteht oder anders versteht als seine biologische Ausstattung nahelegt. Juristisch folgt dasrauf das Problem, wie eine solche Person eingeordnet werden kann, als Mann oder Frau oder divers. Immerhin plädiert Passarge für die individuelle Selbstbestimmung, jeder legt also selbst fest, als was er eingeordmet wird.

Interessant ist daran, dass die Ebene kulturelle Muster – also der Festlegung dessen, was in der jeweiligen Kultur männlich oder weiblich (oder divers) zu sein, heißt – völlig fehlt. Dabei ist es offensichtlich, dass sich Männer- und Frauenbilder allein schon in den Industrieländern seit dem frühen 20. Jahrhudnert massiv verändert, und sich zudem ausdifferenziert haben. Heute ein Mann oder eine Frau sein zu wollen, heißt schon etwas anderes, als es vor 100 Jahren bedeutet hat. Und zugleich sind die Variationen innerhalb der Geschlechterbilder massiv angewachsen. Man kann viel mehr wählen, auch wenn die Wahl unbewusst stattfinden mag. Bei Passerge gibt es aber nur weiblich fühlen, männlichen fühlen oder divers.

Ein korrespondierender Umstand findet sich im Text von Eva-Maria Tepest, in dem es darum geht, für eine „schlagkräftige linke Bewegung“ die „geballte queere Energie“ zu nutzen. Dort findet sich eine Anfangspassage, die wohl provozieren und zugleich erhellen soll, worum es geht: „Seit Jahren habe ich keine heterosexuell lebende Frau mehr getroffen, die sich nicht wünschte, auf Frauen zu stehen. Keinen heterosexuell lebenden Mann, der sich nicht gern von seiner Partnerin penetrieren lassen würde. 2016 identifizierten sich 11,5 Prozent der 15- bis 29-Jährigen hierzulande laut einer ‚EuroPulse“-Umfrage als LGBT. Nicht heterosexuell, queer zu sein ist so en vogue wie der US-Schauspieler Ezra Miller in High Heels auf dem Cover des ‚Playboys‘.“ Im nächsten Satz aber sprich Tepest vom Zerbröckeln des „Einverständnis mit traditionellen Genderrollen“. Danach wendet sich der Beitrag dann möglichen Bündnissen zwischen queer und links zu.

In diesen wenigen Sätzen vermengt Tepes sexuelle Fantasien, Vorlieben und Praktiken, Frustration über die gelebte Heterosexualität, queere Identität und Geschlechterrollen. Wie sehr in eins geworfen wird, was so nicht vergleichbar ist, lässt sich an den ersten beiden Sätzen sehen: Frauen im Bekanntenkreis der Verfasserin wünschen sich, lieber homosexuell zu sein, also eine andere grundsätzliche sexuelle Vorliebe zu haben. Männer hingegen wünschen sich eine Ergänzung ihrer sexuellen Praxis mit ihren Frauen, dass nämlich diese sie penetrieren. Dass ein Mann penetriert zu werden wünscht, mag zwar homosexuell vorgeprägt sein, ist hier aber heterosexuell eingebunden. Zwei Sachen also, die so nicht vergleichbar sind.

Davon einmal abgesehen, dass nicht alles, was ungefähr gleich klingt, auch dasselbe ist, geht in diesen Sätzen etwas verloren, nämlich die Einsicht, dass sexuelle Praktiken mit Geschlechterrollen nicht identisch sind. Und dass Geschlechterrollen kulturell festgelegt werden und dann übernommen werden müssen. Das trifft grundsätzlich auch auf sexuelle Praktiken zu. In diesem Bereich hat sich aber – spätestens durch die Trennung von Öffentlichem und Privatem – ein Primat der individuellen Wahl durchgesetzt. Jeder treibts also wie er/sie/divers will, wenns sein ode rseine Gegenüber mitmachen. Sex ist abhängig von Neigungen und Gelegenheiten. Das mag dann zusammenpassen oder auch nicht, was der jeweiligen Frustrationstoleranz überantwortet ist. Jedenfalls lässt sich aus einer sexuellen Praxis oder auch nur Fantasie keine Geschlechterrolle ableiten, und erst recht keine Identität. Queere Identitäten sind mithin eine ebenso starke Konstruktion wie heterosexuelle, immer abgeglichen oder abgearbeitet an kulturellen Mustern, denen die Einzelnen folgen wollen oder auch nicht. Ob daraus schon die „Sehnsucht nach dem Ende der Geschlechterordnung“ folgt, kann man offen lassen oder auf sich zukommen lassen. Am Ende werden auf alte eben neue Ordnungsmuster folgen. Alles andere wäre zu anstrengend.


Ich konnte immer alles

23. Mai 2019

Friedrike Haupt in einem Beitrag für die FAZ vom 20. Januar 2019, zum 100-jährigen des Frauenwahlrechts („Weil ich kein Mädchen bin“). Daraus nur zwei Hinweise:

Haupt gerät in eine Podiumsdiskussion, an der unter anderem die erste hessische Oberbürgermeisterin, Otti Geschka, teilnahm, 1993 in Rüsselsheim gewählt. Geschka ist ausgebildete Krankenschwester, hatte also eine mittlere Ausbildung absolviert. „Auf die Frage, woher sie gewusst habe, dass sie in der Politik bestehen könne antwortete sie mit einem Satz, der jedem Mann um die Ohren gehauen würde: ‚Ich konnte immer alles.'“ Woher es kommt, dass eine Frau einen solche Satz sagen kann, wird im Folgenden erklärt, kurz gesagt, es war notwendig, alles zu können.

Auch auf dem Podium Heidemarie Wieczorek-Zeul, die von einem unangenehmen Vorfall erzählt, aus Juso-Zeiten. Da sei es seinerzeit um Posten gegangen, nur Schriftführer habe keiner machen wollen. Da habe einer der Männer gesagt: „Da hinten sitzt doch ’ne Genossin, die kann doch sicher schreiben.“ Wieczorek-Zeul habe es trotzdem gemacht – und habe ein Jahr später den Mann als Unterbezirksvoritzenden abgelöst. Später sei sie die erste Juso-Vorsitzende geworden.