Die Freiheit erhebt ihr Haupt!

Über die Revolution, ihre Erfolge, einige Missgriffe und ihr Nachleben.

Die Freiheit erhebt ihr Haupt“: Die Rhetorik der Revolution 1918/19 ist voller Pathos, aber das mit gutem Grund, ist Pathos doch die Haltung und Stilform, die – für die Zeitgenossen vor der Neuen Sachlichkeit – dem Ereignis und seiner Tragweite angemessen war. Die Hoffnungen, die sich an die Revolution knüpften, waren zweifelsohne sehr groß. Umso größer die Enttäuschung, als am Ende dieser wenigen, ereignisreichen Monate nicht das ersehnte Reich der Freiheit stand, eine andere Gesellschaft, in der Unrecht, Unterdrückung und Gewalt Vergangenheit waren. Stattdessen stand am Ende der Revolution eine parlamentarische Demokratie westlicher Prägung, über Jahre hinweg andauernder innen- wie außenpolitischer Streit, ein entfesselter Kapitalismus, der von einer Krise in die nächste taumelte, um danach umso vitaler wiederaufzusteigen, eine Gesellschaft, die sich mit ihrer neu gewonnenen Freiheit nicht anfreunden, die den Zumutungen der offenen Gesellschaft entgehen wollte, ohne auf deren kleine Freuden verzichten zu wollen, und die sich einer korrupten nationalistischen Kamarilla an den Hals warf, die sich nichts besseres zum Machterhalt einfallen ließ, als den nächsten Großen Krieg anzuzetteln.

Aber auch wenn die Defizitanzeigen in Sachen Weimarer Republik nicht wegzudenken sind – kaum ein Vorwurf, den man der Republik machen kann, ist wirklich falsch –, muss man sich schwer damit tun, die Republik als Missgriff und Misserfolg abzutun. Die Freiheit hat, um eine pathetische Wendung Kurt Eisners aufzunehmen, Ende 1918 ihr Haupt erhoben, und es hat gereicht, die Monarchie zu zerstören, den Adel aus allen Ämtern zu verjagen und das Volk als Ursprung der Staatsgewalt festzuhalten. Aber sie hat sich mit wenig genug zufrieden gegeben.

Die Freiheit erhebt ihr Haupt. Über die Revolution, ihre Erfolge, einige Missgriffe und ihr Nachleben. Hrsg. von Gregor Ackermann und Walter Delabar. Bielefeld 2020 (= JUNI 57-58). 360 Seiten. ISBN 978-3-8498-1569-1. 38,00 Euro

Erhältlich beim Aisthesis-Verlag, Bielefeld.

Inhalt:

Walter Delabar und Gregor Ackermann: Die Freiheit erhebt ihr Haupt. Editorial   S. 7 / Bernhard Hoetger, Lucia Moholy:Revolutionsdenkmal. Für die während der Bremer Februarkämpfe gefallenen Proletarier  S. 11 / Helga Karrenbrock, Walter Fähnders:„Die ganze Zertretenheit des Proletariats schreit in den Backenknochen“. Zur Revolutionsdenkmal-Broschüre von Bernhard Hoetger und Lucia Moholy   S. 29 / Lucia Moholy: Über den Kommunismus   S. 41 / Helga W. Schwarz: Larissa Reissner. Revolutionärin und Chronistin  S. 45 / Larissa Reissner: Ullstein   S. 63 / Larissa Reissner: Die Barrikade   S. 75 / Zur Edition der Texte Larissa Reissners   S. 85 / Das Nahe und das Ferne. Die Texte Larissa Reissners in einer Neuedition   S. 92 / Frank Jacob: Marx und / oder Bakunin? Kurt Eisner (1867-1919) und der Anarchismus   S. 95 / Kurt Eisner: Marx und Bakunin   S. 101 / Kurt Eisner: Die Freiheit erhebt ihr Haupt   S. 108 / Kurt Eisner: Aufgaben der Räte   S. 111 / Kurt Eisner: Wir sind mit der Revolution vorangegangen  S. 113 / Kurt Eisner: Die Stellung der revolutionären Regierung zur Kunst und zu den Künstlern  S. 115 / Primus-Heinz Kucher: Vom glanzlosen Finale. Österreich 1918-1920. Spiel- und Projektionsräume revolutionärer Umgestaltung   S. 123 / Alfons Paquet: Das Telegraphenamt (aus Von November bis November)   S. 139 / Oliver M. Piecha: Kreuz und Quer durch Utopia. Eine Sinnsuche im Nachkrieg. Alfons Paquets Romanmanuskript Von November bis November  S. 147 / Alan Lareau: Musikalische Bilder der Revolution. Victor und Friedrich Hollaender und das Jahr 1919  S. 167 / Gustav Noske: Die Abwehr des Bolschewismus  S. 185 / Wolfram Wette: Abwehr des Bolschewismus? Ein Kommentar  S. 209 / Walter Delabar: Anfang des Schönen, des Schrecklichen oder des Banalen. Ein irritiertes Popup zur Revolution in Deutschland 1918/19  S. 213 / Richard Müller: Das Rätesystem in Deutschland  S. 245 / Dirk Heißerer: Brecht studiert Hitler oder Über die Theatralik des Faschismus   S. 259 /  / Kleine Erinnerungsarbeiten: Gregor Ackermann: Irène & Irene. Ein Hinweis zu Irène Némirovskys Roman Le Malentendu und seiner Übersetzerin Irene Kafka S. 295 / Irène Némirovsky: Die französische Frau im Krieg  S. 303 / Bibliographie Irene Kafka   S. 309 /  / Schafott/Über den grünen Klee – Rezensionen und Hinweise   S. 322


Rückblick auf eine Revolte? War da was?

Eine Tagung zum Werk Michael Wildenhains wird nun mit einem Tagungsband dokumentiert. Dabei ein Beitrag zu Wildenhains Opus magnum: Das kalte Herz der Stadt

Walter Delabar: Michael Wildenhains „Die kalte Haut der Stadt“. In: Geschichte und Individuum. Das literarisch-zeithistorische Werk Michael Wildenhains. Berlin 2020, S. 65-83.


Revolution ohne künstlerische Revolutionäre?

Das Verhältnis der künstlerischen Avantgarde zur Revolution 1918/19 ist Thema einer international besetzten Vortragsreihe an der Universität Mailand. Organisiert wurde die Vortragsreihe durch die Literaturwissenschaftlerin Paola Bozzi, Germanistikprofessorin an der Universität Mailand und renommierte Flusser-Forscherin.

Vortrag am 27. November, 9.00 Uhr: Walter Delabar: Revolutioneers beyond revolution


Vorwärts, und nicht vergessen …

Walter Fähnders‘ Studie über die Avantgarde in den Moderne-Studien ist erschienen.

In Wahrheit ist der Umschlag glänzend silber, wie es sich für ein solches Projekt gehört.

Leseprobe und Bestellunterlagen gibts bei Aisthesis http://www.aisthesis.de/Faehnders-Walter-Projekt-Avantgarde. Im Unterschied zur realen Avantgarde kostet das Buch auch fast nichts: Läppische 19,80 Euro.

Die Avantgarde auf der Frankfurter Buchmesse – blendend.

Sich von der Avantgarde blenden lassen, ist doch hübsch.


Ach, das JUNI-MAGAZIN

Siehe da, das letzte JUNI-MAGAZIN (Eine gefährliche Straße, 2018/19) hatte Leser, und hier sind zwei von ihnen:

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift FOTOGESCHICHTE (Nr. 153/2019) hat der Herausgeber, Anton Holzer, auf das JUNI-MAGAZIN verwiesen und schreibt:

„Besonders spannend für FotohistorikerInnen sind die Beiträge von Manuel Illi und Walter Delabar. Ersterer stellt ausgewählte Foto-Text-Bücher der Weimarer Republik vor, letzterer liefert einen ausgezeichneten Beitrag zur Genese und Entwicklung der modernen Fotoreportage, indem ihre „narrative Emanzipation“ am Beispiel von frühen Reisepublikationen im Text-Bild-Format nachzeichnet. Fazit: anregend, bestellen!“

Das ist schön und gefällt den Beteiligten. Aber es gibt noch mehr: Die Ausgrabungen Gregor Ackermanns zu Polly Tieck und die zahlreichen Publlikationen zu Ruth Landshoff-Yorck und anderen kommen jetzt auch in der Kunstgeschichte an, und zwar im Zusammenhang des erneuerten Interesses an der Lotte Laserstein, die ein Porträt Polly Tiecks gemalt, über das wenig bekannt ist. Die Kunsthistorikerin Annelie Lütgens hat den JUNI anscheinend in Händen gehabt und sagt im Interview mit der TAZ (am 2. Mai 2019):

„Ich lese gerne „Juni. Magazin für Literatur und Kultur.“ Hier werden mir immer wieder neue Texte und Analysen vorgestellt, die sich um Schriftstellerinnen der 1920/30er Jahre, wie Polly Tieck, Annemarie Schwarzenbach oder Ruth Landshoff drehen. Künstlerinnen und Autorinnen dieser Dekaden gilt mein besonderes Interesse.“

Dieses Interesse teilen wir.