Oder: Warum man sich auf Superhelden nicht verlassen kann
16. März 2026
Die Entstehung des Superhelden-Genres in einer historischen Phase, die von der Entmächtigung des Subjekts einerseits, seiner Ermächtigung andererseits geprägt ist, ist bezeichnend. 1938 erscheint der erste Superman-Comic. Von dort aus entwickelt das Genre ein ungeheuer breites und vielfältiges Programm, voll durchtrainierter Kämpfer, potenter Mutanten und wundersamer Aliens, die mit oder ohne die Kooperation Normalsterblicher den Kampf gegen das gleichfalls vielfältige Böse in der Welt, das meist im Zweikampf zu überwältigen ist, aufnehmen. Kein Superman ohne Lex Luthor, kein Batman ohne den Joker, keine X-Men ohne Magneto. Und wenn der eine Gegenspieler außer Gefecht gesetzt ist, folgt sein Nachfolger ohne weiteres.

Ausschnitt aus der Titelzeichnung des ersten Superman-Comics (1938) – mit dem sinistren Nebenthema, dass der Protagonist der Moderne das exemplarische Gerät der Moderne zu Schanden schlägt. Ansonsten zeigt sich Superman schon hier als Repräsentant der Gerechtigkeit, die gewaltsam durchgesetzt werden muss. (Abb. im Ausschnitt aus Dichmann)
Einerseits ist dem Genre das Ermächtigungsmotiv inhärent, zeigt es doch den handlungs- und wirkungsmächtigen, aber vor allem vereinzelten Akteur in einer komplexen und widerständigen sozialen Formation. Der Superheld kann mithin so wunderbar als Identifikationsfigur dienen, und zwar genau für die Subjekte, die noch um Anerkennung kämpfen, wie es wohl für Heranwachsende, für die das Genre eine besondere Faszination hat, der Fall ist. Diese Akteure tun etwas, das wirkt. Und sie sind etwas.

Die Titelzeichnung von X-Men Dark Phoenix Saga zeigt die expressive Ausdrucksdynamik, mit der der Superheld sich als Subjekt geriert (Abb. aus dem bei Panini erschienen Dark Phoenix-Band)
Andererseits gibt der Superheld damit der gesellschaftlichen Sehnsucht nach dem großen, wirkungsmächtigen Einzelnen Ausdruck, der politisch als Führer, gesellschaftlich als Befreier auftritt und der per se für das Gute und Richtige einstehen kann. Dass die Superheldenkonjunkturen deshalb immer auch als Gradmesser faschistoider Tendenzen herhalten müssen, ist mithin kaum überraschend. Allerdings hat das Genre in seinen späteren Phasen eine denkwürdige Wendung genommen und dabei auf eine spezifische Antinomie repräsentativer Demokratien und offener Gesellschaften Bezug genommen.
Die Geschichten sind jedoch eher unterkomplex angelegt. Die eng getaktete Konfliktreihung, in die die Akteure geraten, die dichte Abfolge der Auseinandersetzungen, in die sie ihre Figuren verstricken und in denen sie sich nicht zuletzt mit ihren eigenen Spiegelbildern aus- einanderzusetzen haben, sollen diesen Eindruck erwecken. Aber die Antagonismen sind auf niedrigem Niveau entwickelt, was durch extensive Bewegungs- und Ausdrucksdynamiken überdeckt wird. Superhelden schlagen sich halt durch die Welt, Ruhephasen sind selten und werden meist durch neue katastrophische Ereignisse gestört. Ansonsten zeigen sie ihr Leiden – soweit sie nicht inkognito sind – allzu demonstrativ in und für die Öffentlichkeit, wie sich am Cover des X-Men-Bandes zeigt, in dem Dark Phoenix zu Tode kommt.
Die politische Grundierung ist dem Genre mithin von Anfang an eingeschrieben. Allerdings scheint in den 1980er Jahren der Superheld im Grundsatz problematisch zu werden. Erkennbar wird das an zwei so unterschiedlichen Erzählsträngen wie der Dark Phoenix-Saga im X-Men-Kosmos (1980) und in Batmans Das erste Jahr (1987).
Die X-Men-Story um die Superheldin Jean Grey wird die Frage der Einhegung einer unbegrenzten Macht intensiv und bis ins Extrem und vor allem bis ins fatale Ende durchgespielt. Die desaströse und unbeherrschte Macht des Alias der Jean Grey, Dark Phoenix, die am zerstörerischen Potenzial ihrer Superkräfte derart Gefallen findet, lässt sich am Ende nur durch den dramatisierten Suizid beherrschen.
Sie definiert sich – so das Muster – damit als menschlich, da nur der Mensch sich zum Selbstopfer entscheiden könne. Die Problematik der unbegrenzten Macht ist dabei noch erkennbar genug – sie ist nur durch sich selbst beherrschbar oder dem eigenen Ende zuzuführen. Die politische Botschaft, die der Story offiziell beigegeben wird, ist die der menschlichen Wahlfreiheit.

Der Tod Dark Phoenixʼ – absolute Macht kann sich nur noch selbst zerstören. Dass sie das auch tut, liegt nicht am katastrophischen Zuschnitt ihrer Fähigkeiten, sondern an der bewussten Entscheidung ihrer Trägerin – was als politische Lösung des Machtproblems wenig tragfähig, aber als symbolischer Traum höchst wirksam ist. (Abb. aus dem Dark Phoenix Band bei Paganini)
Dem eingeschrieben ist aber die Drohung absoluter Macht, deren destruktives Potenzial eben erst dadurch konsequent zuende geschrieben wird, dass sie von außen nicht mehr beeinflussbar, zu stoppen ist. Soll heißen, die X-Men-Autoren könnten das bei Norbert Elias nachgelesen haben, der im Königsprinzip die Basis der Zentralmacht sah. Der Herrscher muss seine Herrschaft teilen und miteinander konkurrierende Gruppen etablieren, die er gegeneinander ausspielt und sie bedient, um seine Macht zu sichern. Dark Phoenix braucht das alles nicht. Sie ist Macht aus sich allein heraus. Ihre Satrapen haben weder vergleichbare Macht noch Einfluss.
Die konventionelle Methode, Macht zu begrenzen, liegt in den bürgerlichen Gesellschaften und repräsentativen Demokratien in der Delegation von Macht an Politik als Instititution, die wiederum im Auftrag des Wahlvolkes (nicht eben ihrer Wähler allein) machtvolle Instrumente wie Armeen, Flotten, Atomarsenale und eben auch Superhelden kontrolliert und über ihren Einsatz entscheidet. Dass dabei persönliche Vorlieben und Motive halbwegs unwirksam bleiben (sollen), ist darauf zurückzuführen, dass Ämter durch Wahl und auf Zeit vergeben werden und Amtsinhaber sich eben dem Wahlentscheid und auch gerichtlichen Entscheidungen beugen müssen.
In der repräsentativen Demokratie ist die Gewaltenteilung mithin essentiell. Allerdings – und das ist vielleicht auch der aktuelle Zug des Genres – ist das Misstrauen gegenüber der politischen Elite äußerst hoch. Sie gilt als fremdbestimmt, interessegeleitet und korrupt, heute gelegentlich auch noch als elitär und abgehoben (Raumschiff Berlin). Das Superhelden Genre hat die Figur des korrupten Polizeipräsidenten oder Bürgermeisters immer gepflegt, nicht zuletzt um den systemkritischen Dissens zu betonen.
Selbstermächtigte und selbstgewisse Superhelden, die per se den Anspruch auf Wahrheit und Gerechtigkeit (eben nicht Recht) erheben, werden nunmehr zusehends mit etatisierten Amtsinhabern in Konflikt gebracht, die wiederum einen Teil der Superhelden auf ihre Seite gebracht haben. Der Konflikt wird dann wieder zwischen den Superhelden ausgetragen, wie in den Bürgerkriegsepisoden der X-Men zu finden, ist aber letztlich der nicht lösbare Konflikt zwischen dem übermächtigen Protagonisten der Gerechtigkeit mit dem Potential ins Ungerechte abzudriften, und dem etatisierten, aber eben korrupten und interessegeleiteten System und dessen politischen Repräsentanten. Die Kontrolle und damit Einhegung der Macht durch die Aufteilung von Rechten und Pflichten sowie die Vereinbarung aller Beteiligten, sich an ein geregeltes System, etwa eines check and balances, zu halten, wird durch den Korruptionsvorwurf untergraben. Ein System, dessen Repräsentanten korrupt sind, kann keine Gefolgschaft verlangen.
Der Widerspruch zwischen den beiden Extremen politischer Macht bleibt also unlösbar – was dem Genre zwar Aktualität verschafft, das Problem aber auf Dauer stellt. Das Genre scheint die Spannung, die dabei entsteht, auszuhalten, wenigstens ist nicht erkennbar, dass es darüber kollabiert. Allerdings nagt die Exposition des Konfliktes eben auch am Vertrauen in ein funktionierendes politisches System, das offen und multilateral ist und eben nicht geschlossen und vor allem autoritär. Ob gute Politik helfen kann, den Widerspruch aufzulösen, ist fraglich, nicht zuletzt weil Symbolebene und Realität eben doch zwei Welten sind. Das ist auch nicht Sache des Superhelden-Comics, der Motive von unbegrenzter Macht und korruptem System braucht, um sich darin zu entfalten. Und sei es in der nächstbesten Schlägerei.
Die Besprechung zu Markus Dichmann: Boooom!!!! Die Welt der Superhelden – Die ersten 100 Jahre. WBG Theis/Herder, Freiburg i. Br.2025 ist erschienen in literaturkritik.de Heft 11/2025, diese Thesen erscheinen zudem in JUNI Magazin 65/66.